Sunday 5. February 2012
bassena

Positionspapier des Wiener Vernetzungsfrühstücks

Grundlagen der Gemeinwesenarbeit in Wien

 

Ein Positionspapier des Wiener Vernetzungsfrühstücks für Gemeinwesenarbeit

 

Gemeinwesenarbeit ermöglicht es, gemeinsam mit den Menschen in Stadtteilen nachhaltige
Verbesserungen ihrer Lebenssituationen zu erreichen.


Gemeinwesenarbeit beinhaltet Prozesse, Haltungen, Methoden und Tools, die der Komplexität
städtischer Gesellschaft entsprechen.


Angesichts wirtschaftlicher, politischer und sozialer Veränderungen wird das soziale Gefüge brüchiger, wovon immer größere Bevölkerungsgruppen betroffen sind (Arbeit, Familie, Segregation am Wohnungsmarkt etc.). Daher sind Gesellschaft und Politik gefordert, neue Instrumente zu entwickeln, die der Exklusion entgegenwirken und die Teilhabe von Menschen am gesellschaftlichen Leben ermöglichen.

 

Gemeinwesenarbeit organisiert und sichert als Vermittlerin im Rahmen dieser Prozesse Struktur-,
Prozess- und Ergebnisqualität.


Gemeinwesenarbeit ist die geeignete Herangehensweise für jene PolitikerInnen, Entscheidungs- und VerantwortungsträgerInnen, die ihr Wirken an den von den Menschen im Stadtteil formulierten Interessen orientieren wollen,


• die die Bereitschaft haben, sich auf die Lösungskompetenz der Menschen einzulassen,
• die Selbstorganisationsprozesse fördern wollen,
• die zielgruppen- und ressortübergreifend agieren wollen.


GWA erfordert von den Entscheidungs- und VerantwortungsträgerInnen die Offenheit, sich auf
Prozesse einzulassen, deren Ergebnisse erst erarbeitet werden und daher nicht bereits im Vorhinein feststehen können (ergebnisoffene Prozesse).


GWA gewährleistet faire Aushandlungsprozesse zwischen den EntscheidungsträgerInnen und den
BürgerInnen (intermediäre Funktion). Sie unterstützt aber auch die Menschen, die weniger zu Wort
kommen.


Um diesem Anspruch gerecht werden zu können, braucht es Rahmenbedingungen, auf die in der Folge eingegangen wird.

 


In Wien wird die Gemeinwesenarbeit von PraktikerInnen in Gesundheits- und Sozialzentren,
Gebietsbetreuungen, Agenda 21-Prozessen, Jugend-Einrichtungen, Stadtteilzentren,
Nachbarschaftszentren, Grätzelmanagements, Planungsbüros, Forschungseinrichtungen, sowie
Fachhochschulstudiengängen für Sozialarbeit getragen und praktiziert. Die Rahmenbedingungen für
GWA sind in den Institutionen höchst unterschiedlich entwickelt, in vielen Institutionen ist eine
Weiterentwicklung gefragt.


Im Wiener Vernetzungsfrühstück für Gemeinwesenarbeit tauschen diese PraktikerInnen seit sieben Jahren selbst organisiert Erfahrungen aus und reflektieren neue Entwicklungen.


Das vorliegende Positionspapier ist das Ergebnis eines Diskussionsprozesses im Wiener
Vernetzungsfrühstück für Gemeinwesenarbeit.



A. Acht Leitstandards der GWA

 

(auf der Basis aktuell diskutierter Leitstandards, s. auch Lüttringhaus, Hinte u. Oelschlägel)¹
Die GWA fördert Selbstorganisation und Selbsthilfekräfte der Menschen in Stadtteilen. Ausgangspunkt der GWA sind die Bedürfnisse und Themen der Menschen. Die Interessen
der BürgerInnen bestimmen, welche Themen aufgegriffen werden. Die GemeinwesenarbeiterInnen unterstützen die Menschen dabei, selbst aktiv zu werden, um ihre Interessen öffentlich zu machen und sich für die Umsetzung derer selbst einzusetzen.

 


Vorhandene Ressourcen werden genutzt, Potenziale im Stadtteil (einzelner Menschen, Netzwerke
mehrerer Menschen und materielle wie infrastrukturelle Ressourcen von Institutionen) werden aktiviert und miteinander verknüpft.

 

Die Verbesserung der materiellen Situation und der infrastrukturellen Bedingungen im
Sozialraum, dem Stadtteil, ist ein wesentlicher Aspekt. Es geht u.a. um adäquate Wohnräume,
Arbeitsplätze, Verkehrsberuhigung, Spielplätze, Räume, usw.

 


GWA trägt so zur Stadt(teil)entwicklung bei und ist deshalb bei lokalen Politikprozessen beteiligt.
Darüber hinaus unterstützt GWA die Entwicklung eines sozialen und kulturellen Lebens, sie verbessert die immateriellen Faktoren. Sie fördert u.a. ein soziales Klima, räumliche Identität, bürgerschaftliches Engagement, Nachbarschaft, Partizipation, Demokratieverständnis, Bildung, usw.


Dabei setzt GWA auf Vernetzung und Kooperation zwischen den Menschen im Stadtteil und
Professionellen (untereinander und miteinander).


Sie muss zielgruppenübergreifend handeln, da oftmals viele unterschiedliche Menschen aus einem
Stadtteil von Benachteiligung betroffen sind.


Um die Lebensbedingungen im Sozialraum zu verbessern ist gleichermaßen ressortübergreifendes
Handeln notwendig (Wohnen, Gesundheit, Arbeit, Freizeit, Stadtentwicklung, Bildung und Kultur).


Die Interessen der Menschen im Stadtteil sind also handlungsanleitend. Dabei sind für jedes
Stadtteilprojekt beispielsweise folgende Ausgangsfragen zu klären:

 

1. Wie sieht die Situation der Menschen aus? Wie sehen die betroffenen Menschen das?

2. Was bedeutet Verbesserung der Lebensqualität in Bezug zu ihrer Situation im Stadtteil?

3. Welche AkteurInnen spielen bei den gewollten Verbesserungen eine Rolle?

4. Welche Strategien im Bezug auf die Verbesserung der Lebenssituation müssen gewählt werden?

5. Welche Ressourcen sind für die Umsetzung der Prozesse notwendig?


Betroffene AkteurInnen in Stadtteilen (z.B. benachteiligte BewohnerInnen, Kinder, Jugendliche,
Gewerbetreibende oder RadfahrerInnen) und deren Einflussmöglichkeiten zur Verbesserung der
Lebensqualität werden unterstützt. Die Teilhabe am ökonomischen, politischen, sozialen und kulturellen Leben im sozialen Raum wird gefördert.


GWA dient als Bindeglied, als Brückeninstanz, zwischen den Interessen und Aktivitäten der Menschen in den Stadtteilen und den sektoral organisierten Ressourcen der Stadt (Intermediarität).

1 Lüttringhaus, M.: Zusammenfassender Überblick: Leitstandards der Gemeinwesenarbeit. S. 263-267. In: Hinte, W.; Lüttringhaus, ML; Oelschlägel 0.'- Grundlagen und Standards der Gemeinwesenarbeit. Reader, Münster 2001)

 

 

B. Status Quo der GWA in Wien


Im Folgenden wird versucht, die GWA in Wien ab zu bilden, ohne dabei einen Anspruch auf
Vollständigkeit zu stellen.


Wer?

 

 

In der Gemeinwesenarbeit in Wien sind Menschen unterschiedlicher Professionen tätig -
SozialarbeiterInnen, PlanerInnen, ArchitektInnen, Psychologlnnen, SozialwissenschafterInnen u.a.
In Wien wird die Gemeinwesenarbeit (GWA) von PraktikerInnen in Gesundheits- und Sozialzentren,
Gebietsbetreuungen, Agenda 21-Prozessen, Jugend-Einrichtungen, Bassenas, Nachbarschaftszentren, Planungsbüros, Forschungseinrichtungen sowie Fachhochschulstudiengängen für Sozialarbeit kooperativ getragen und gemacht.


Von Auftraggeberlnnen-Seite verantwortlich sind unter anderem die Magistratsdirektion Baudirektion, MA 25, Wirtschaftsförderungsfonds, Verein Lokale Agenda 21, MA 13, Verein Wiener Jugendzentren, MA 15A, MA 18, Wiener Integrationsfonds/MA 17, Wiener Hilfswerk.


Was?


• Aktivierungsarbeit
• Projektgruppenarbeit
• Bildungsarbeit
• Kulturarbeit
• Konfliktbearbeitung
• Öffentlichkeitsarbeit
• Koordinierung der verschiedenen Strukturelemente:

Vermittlung zwischen BürgerInnen, Verwaltungsebenen

und politischen VertreterInnen
• Drehscheibe für Informationen, BürgerInnen,

VertreterInnen aus Politik und Verwaltung
• Beratungen zu Sachthemen
• Grätzelfeste organisieren, etc...

 

 

Wie?


GWA geht prozessorientiert vor.


• Bestandsaufnahmen (sozialräumliche Analyse, Gemeinwesenbeobachtung, Stärken
Schwächen-Analyse)
• Aktivierungs- und Vernetzungsmethoden (z.B. aktivierende Befragung, Projekt- und
Ideenwerkstätten, Versammlungen, Veranstaltungen, Ausstellungen, Themenabende)
• Initiativgruppengründung und -begleitung (Begleitung und Unterstützung bei der Umsetzung
konkreter Projekte, Vermittlung mit ExpertInnen, Diskussionsforen, Fachvorträge,
Bildungsarbeit)
• Vernetzung (anlassbezogen, fachbezogen und strategisch, Partnersondierung, Aufbau
von Verbindungsleuten, MultiplikatorInnensuche)
• Bildung von Kommunikationsstrukturen und Gestaltung von Entscheidungsgremien
• Vermittlung und Moderation bei Aushandlungsprozessen, Konfliktmanagement
• Medienprojekte und Öffentlichkeitsarbeit

 


Mit wem?


Prinzipiell arbeitet die GWA mit allen AkteurInnen, die einen Bezug zum Stadtteil haben:
EntscheidungsträgerInnen, VertreterInnen der Verwaltung und NPOs, Wirtschaftstreibende,
Menschen aller Altersgruppen und Ethnien (Zielgruppen sind u.a. Kinder, Jugendliche, ältere
Menschen, Frauen, Engagierte - Nicht Engagierte, Gewerbetreibende, Berufstätige, Migrantlnnen,
Menschen im öffentlichen Raum, Menschen mit Behinderungen). Die Schwerpunktsetzung ist je nach Projekt verschieden.

 



C. Was braucht die GWA in Wien? Rahmenbedingungen


1) "richtige" Größe des Sozialraums Stadtteilbezug


GWA wird im Stadtteil wirksam. Stadtteile ergeben sich durch geographische und persönliche
Grenzziehungen. Grenzziehungen ergeben sich einerseits durch die Definition von AuftraggeberInnen.
Andererseits definieren die Menschen, was ein Stadtteil ist und wo Identität hergestellt
werden kann. GWA kann dann wirksam werden, wenn Menschen gemeinsame Interessen im
Gemeinwesen haben, eine gemeinsame Betroffenheit besteht. Ist ein Zielgebiet zu groß definiert, kann das die Arbeit und Wirksamkeit der GWA sehr beeinträchtigen. Welche Größe angemessen ist, muss je nach Gebiet und je nach Gegebenheiten vor Ort definiert werden. Dieter Oelschlägel spricht von "lokaler Richtigkeit“.

 

 

2) Professionelles Tun und Ausbildung


Gemeinwesenarbeit wird mit unterschiedlichen Lebensbereichen im Stadtteil konfrontiert,
u.a. mit sozialen, politischen und wirtschaftlichen. Aufgrund der Querschnittsaufgaben, die GWA
übernehmen muss, sind interdisziplinäre Teams notwendig.
GWA muss professionell im Gemeinwesen agieren und die AkteurInnen benötigen eine spezifische
Ausbildung und die Möglichkeit zu Weiterbildung, die unter anderem folgende Kompetenzen bilden:
GemeinwesenarbeiterInnen müssen sich in einer intermediären Funktion in unterschiedlichsten
Lebenswelten und Themenbereichen bewegen können. Sie müssen sich Zugang zu den Menschen im Stadtteil verschaffen und Aushandlungsprozesse zwischen BürgerInnen und VertreterInnen aus Politik und Verwaltung moderieren können.
Bis dato wird Gemeinwesenarbeit an der Fachhochschule für Sozialarbeit und ansatzweise in manchen Studienrichtungen (z.B. BOKU, Psychologie, TU) vermittelt. Eine professionelle Aus- und Fortbildung ist aufgrund der ständigen Weiterentwicklung für professionelle Arbeit unerlässlich. Eine Ausweitung des Angebotes ist erstrebenswert.


3) Adäquate innere und äußere Strukturen sowie ergebnisoffene Aufträge


GWA braucht den Fragestellungen angepasste finanzielle und personelle Ressourcen.
GWA braucht als vermittelnde Instanz inhaltliche, methodische und budgetäre Autonomie.
GWA braucht adäquate Strukturen.
GWA braucht Rollenklarheit, klare Kompetenzzuweisungen und Zuständigkeiten (geeigneter
Auftragsrahmen). GWA braucht Zeit, damit zu den Menschen Vertrauen hergestellt werden kann und ein positives Beteiligungsklima entstehen kann.
GWA braucht Politikerinnen, Entscheidungs- und VerantwortungsträgerInnen, die gemeinsam mit den Menschen Aushandlungs- und Veränderungsprozesse durchführen wollen. Dazu braucht es auch Geld, wenn es um die Umsetzung der gemeinsam entwickelten Ideen und Maßnahmen geht.
Das Wiener Vernetzungsfrühstück für Gemeinwesenarbeit, im Juni 2004

 

2 Tagung "Entspannt im Stadtteil" am 6.-7.10.03 in Wien

 

 

Wien, 16.06.04

Die aktuelle Ausgabe der
Stadtteilzeitung zum download

Video zum Thema

Gemeinwesenarbeit

(Trailer und

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http://www.bassena.at/